FORDERUNGEN DER FREIEN KULTURKARAWANE
Die folgenden Forderungen repräsentieren unsere Vision von einer lebenswerten, also – demokratischen, toleranten, inklusiven und gleichberechtigten – soziokulturellen Gemeinschaft sowie einer freien und lebendigen Kulturszene in unserem Bundesland.
✊ Subkultur ist die Brandmauer unserer Demokratie
Thüringen steht am Scheideweg: Während gesellschaftliche Polarisierung und bürokratische Hürden sowie Kürzungen in der Kulturförderung die freie Kulturszene unter Druck setzen, beweisen Sub- und Soziokultur täglich, dass sie Orte des gelebten Miteinanders sind.
Wir sind kein „Hobby“ und keine „Alibi-Veranstaltung“, sondern ein unverzichtbarer Wirtschaftsfaktor und der soziale Kitt unserer Städte und Dörfer! Wir fordern eine Politik, die unsere Arbeit nicht nur toleriert, sondern als essentiellen Bestandteil der Thüringer Identität begreift. Wer Demokratie schützen will, muss die Freiräume der Kultur sichern.
🏛️ Anerkennung des rechtlichen Status & gesellschaftliche Wertschätzung für die Subkultur
Wir fordern die Aufnahme des Rechtes auf Kultur als eigenständiges Staatsziel in die Thüringer Verfassung und das Grundgesetz. Dies muss den expliziten Schutz der freien Szene und der kulturellen Vielfalt garantieren, um sie vor politischen Kürzungsszenarien zu schützen.
- Entstigmatisierung der Ravekultur:
Elektronische Musik- und Clubkultur, sowie andere moderne Jugendkulturen, sind als schützenswerte kulturelle Eigenleistungen anzuerkennen, weil sie durch ihre tolerante, integrative und kreative Gemeinschaftsbildung – auch gegenüber queeren und marginalisierten Communitys – den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, neue Perspektiven eröffnen und ein lebendiges, produktives Miteinander fördern. Wir fordern, sie als festen und integralen Bestandteil der Kulturlandschaft zu wahren, wertzuschätzen und zu schützen!
- Modernisierung des Feiertagsrechts:
Wir fordern vor diesem Hintergrund die Abschaffung der überholten gesetzlichen Tanzverbote an sogenannten „stillen Feiertagen“ (§ 6 ThürFG), die zeitgemäße kulturelle Ausdrucksformen unnötig einschränken.
Parallel dazu sollte die Fête de la Musique als gesetzlicher Feiertag etabliert werden, um die Bedeutung der Musik für die Gesellschaft zu unterstreichen. Daraus ergibt sich auch eine angemessene Anerkennung und Wahrnehmung der freien Kulturlandschaft und deren Akteure.
- Einführung von Nachtbeauftragten für die besonderen Bedarfe der “Kultur ab 20 Uhr”:
Wir fordern die flächendeckende Einführung von kompetenten Schnittstellen zwischen Clubkultur, Stadtverwaltung und Anwohnerschaft, um das Thüringer Nachtleben nachhaltig zu stärken und Konflikte proaktiv zu moderieren. Ziel ist die strategische und friedlich- konstruktive Förderung eines sicheren und vielfältigen Nachtlebens als wesentlicher Standortfaktor, sowohl in Städten als auch in ländlichen Regionen.
🏳️🌈 Teilhabe sichern für mehr Diversität, Inklusion und Empowerment
- Queere Sichtbarkeit stärken:
Wir fordern institutionelle Anerkennung, echte Teilhabe und finanzielle Rückendeckung queerer Kulturprojekte. Diversität und Inklusion müssen als Kernbestandteile der staatlichen Kulturförderung definiert werden.
- Awareness-Arbeit professionalisieren und finanzieren:
Wir fordern die staatliche Übernahme der Kosten für Awarenesskonzepte und -teams. “Safer Spaces” in der Nachtkultur dienen der Sicherstellung eines wertschätzenden und respektvollen Umgangs miteinander für alle, die teilhaben möchten. Alle sollen sich willkommen fühlen. Alle sollen sich gleichberechtigt und frei fühlen dürfen. Solche Räume zu schaffen und zu sichern ist eine öffentliche Aufgabe und darf nicht allein auf dem Rücken von ehrenamtlichen Kollektiven lasten.
- Strukturelles FLINTA – Empowerment umsetzen:
Sichtbarkeit schaffen, Strukturen wandeln: Wir fordern gezielte Förderprogramme für FLINTA-Personen in der Kulturarbeit, um bestehende Repräsentationslücken nachhaltig zu schließen und geschlechtergerechte Teilhabe zur Norm zu machen.
- Kulturelle Vielfalt im ländlichen Raum stärken:
Die Kultur in ländlichen Gebieten muss unterstützt oder sogar erst geschaffen werden. Der Abwanderung und der teilweisen Perspek- tivlosigkeit junger Menschen in den ländlichen Regionen muss mittels dezentraler Förderinstrumente aktiv entgegengewirkt werden. Kulturelle Teilhabe darf nicht an der Stadtgrenze enden. Deshalb fordern wir den Ausbau der kulturellen Infrastruktur im ländlichen Raum, die speziell auf die Bedarfe kleinerer Gemeinden zugeschnitten ist.
💰 Gerechte Finanzierung
- Paritätische Mittelverteilung zwischen Hoch- und Subkultur:
Die Politik muss die Bedeutung der Subkultur anerkennen, indem eine gerechtere und transparente Verteilung staatlicher Fördermittel sichergestellt und mehr finanzielle Mittel für subkulturelle Projekte bereitgestellt werden.
- Langfristige Planungssicherheit für soziokulturelle Projekte:
Wir fordern mehrjährige Förderzyklen statt prekärer jährlicher Projektbewilligungen – dies betrifft insbesondere institutionelle Förderung, Unterstützung baulicher Maßnahmen sowie Nachhaltigkeit.
- Niederschwellige Mikroförderungen einführen:
Wir fordern die Schaffung einer Mikroförderung für kleinere und innovative Veranstaltungsformate sowie für die Etablierung neuer Kollektive und Projekte. Unbürokratische Soforthilfen bis 1.000 € müssen ohne monatelange Vorlaufzeiten möglich sein! Nur so können langfristig auch kleinere, nicht kommerzielle Veranstaltungen entstehen.
- Ehrenamts-Support:
Wir fordern die Anerkennung und faire Bezahlung kultureller Arbeit, auch bei ehrenamtlichen Tätigkeiten sowie innerhalb kollektiver Strukturen. Was dort passiert, entsteht aus Herzblut und Überzeugung sowie der Übernahme von Verantwortung – und das bleibt leider noch zu oft unbezahlt und unsichtbar.
🚧 Barrieren einreißen: Rahmenbedingungen und Bürokratieabbau
- Schallschutz neu denken:
Wir fordern die zeitgemäße Ersetzung der veralteten „TA Lärm“ durch eine moderne Kulturschallverordnung, denn Musik ist keine Lärmemission, sondern ein Kulturgut! Daher müssen Schallschutzmaßnahmen staatlich subventioniert werden.
- Agent of Change-Prinzip gesetzlich festschreiben:
Wir fordern, dass bei Neubauvorhaben in der Nähe bestehender Kulturstätten die Bauherren für den Schallschutz verantwortlich sind, nicht die Clubs. Bestandsschutz muss Vorrang vor Luxussanierung haben.
- Transparentes Beratungssystem statt „Förderdschungel“:
Wir fordern die Etablierung eines zentralen, transparenten Beratungssystems durch das Land Thüringen, das kostenlose Expertise zur Professionalisierung und Organisation (wie Vereinsrecht, Buchhaltung und Projektmanagement) für alle Kulturschaffenden bereitstellt. Behörden müssen hierbei als proaktive Ermöglicher agieren und den Zugang zu Fördermitteln durch den Abbau bürokratischer Hürden maßgeblich erleichtern. Kreative Gestaltungsprozesse dürfen nicht aus- gebremst werden, nur weil die Hürden höher sind als die verfügbaren Mittel.
- Clubs rechtlich als Kulturstätten anerkennen:
Wir fordern den Schutz und die baurechtliche Gleichstellung von (Musik)Clubs mit staatlich etablierten Institutionen wie Theatern und Opernhäusern. Dies ist längst eine dringend abzuändernde Tatsache und die Voraussetzung für faire Mieten, Steuersätze und langfristigen Standorterhalt dieser Kulturstätten. Clubs sind schließlich nicht nur irgendwelche Gebäude, die beliebig umverlagert, ersetzt oder geschlossen werden können! Es sind Räume voller Inspiration und Identität, in denen Menschen sich offen begegnen und Vielfalt leben können.
🏘️ Räume erhalten und erobern: Bestandsschutz und neue Flächenstrategien
- Bestandsschutz:
Kultur braucht Raum: Wir fordern einen sofortigen Stopp der Verdrängung von soziokulturellen Orten! Bestehende Kulturräume müssen als unverzichtbare Gemeingüter anerkannt, dauerhaft vor dem Marktdruck geschützt und durch eine rechtlich bindende Bestandsgarantie gesichert werden.
- Leerstand nutzen:
Wir fordern ein strategisches Leerstandsmanagement. Brachflächen und ungenutzte Immobilien – insbesondere im ländlichen Raum – müssen unbürokratisch für Zwischennutzungen für Kulturakteur*innen ausgeschrieben und freigegeben werden.
- Outdoor-Flächen:
Wir fordern die Ausweisung und Genehmigung dezentraler Open-Air-Flächen, die gezielt für schallemissionsintensive Nutzungen geeignet sind. Diese müssen infrastrukturell erschlossen und über ein modernes Lärmschutzmanagement auch für nächtliche Events rechtssicher freigegeben werden. Hierbei fordern wir eine kulturorientierte Neubewertung von Emissionen, die über die starren Grenzwerte der TA- Lärm hinausgeht und die besondere soziale Bedeutung der Nachtkultur rechtlich berücksichtigt.
